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Geschichte des Château de Saint-Cloud

1658 bis 1701: Das Schloss von Philippe I. d'Orléans

Ausbau zur prächtigen Residenz durch Monsieur, den einzigen Bruder von Louis XIV.

Château de Saint-Cloud von Monsieur, Philippe d'Orléans
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Nachdem Barthélemy Hervat das Anwesen von Saint-Cloud und die zugehörigen Parkanlagen zu einem kleinen Château ausgebaut hatte, wurde es in der Mitte des 17. Jahrhunderts wieder von der königlichen Familie gekauft, die es für Monsieur, den einzigen Bruder des Königs Louis XIV. erwarb.

Der Grund hierfür ist nicht genau bekannt, jedoch vermutet man, dass der erste Minister Cardinal Mazarin und die Königinmutter Anne d'Autriche ihren schon in jungen Jahren zur Homosexualität neigenden Sohn Philippe d'Anjou (später Philippe d'Orléans) mit diesem Geschenk beschäftigen und aus dem Zentrum des öffentlichen Interesses nehmen wollten, da es um den Kreis seiner Höflinge und Favoriten immer öfter zu Gerede über erotische Skandale und homoerotische Eskapaden kam, bei denen besonders Philippe-Jules, der Neffe des Cardinals auffiel.

Leider ist der Kaufvertrag zwischen Barthélemy Hervat und dem Hof nicht mehr erhalten, jedoch konnte mit einiger Sicherheit rekonstruiert werden, dass das Château de Saint-Cloud im Oktober 1658 für eine Summe zwischen 240.000 Livres und 331.548 Livres von Louis XIV., bzw. durch Kardinal Jules Mazarin für Philippe I. d'Orléans gekauft wurde.

Bei dem exakten Kaufdatum ist man sich allerdings nicht ganz sicher. Oft wird der 25. Oktober genannt, einige Wochen nachdem Hervat zu Ehren des Königs, seines Bruders, deren Mutter Anne d'Autriche und des Kardinals ein großes Festmahl gab. Dem wiederspricht allerdings die sehr verläßliche Pariser "Gazette", die am 12. Oktober folgendes schrieb:
"[...] Am 6. wurden der König, Monsieur und seine Eminenz zur Unterhaltung nach Saint-Cloud geladen, in das schöne Haus des Herren Devart (sic!), einer der Contrôleurs généraux des finances, welcher ihnen und den Wichtigsten des Hofes ein Diner von solcher Pracht bereitete, dass ihm seine Majestät seine vollste Zufriedenheit bewies [...]".

In einem folgenden Artikel vom 19. Oktober heißt es: "[...] Am aktuellen 12. fuhr die Königin (Anmerkung: Anne d'Autriche) in Begleitung der Mademoiselle (Anmerkung: Henriette d'Angleterre, erste Ehefrau von Philippe I. d'Orléans) nach Saint-Cloud, in das schöne Haus von Monsieur, das vorher im Besitz des Herrn Dervart (sic!) war [...]".
Dies würde besagen, das der Kauf schon vor dem 25. Oktober stattgefunden haben muss, vielleicht schon bei dem ersten Treffen Anfang Oktober in Saint-Cloud. Auch dem manchmal genannten Kaufdatum vom Frühjahr 1659 würde die Gazette somit wiedersprechen.

Ein weiteres Datum nennt das Buch Curiositées de Paris, de Versailles, Marly, Vincennes, Saint-Cloud, et des Environs. Par M.L.R. Tomé second aus dem Jahr 1771. Dieses ordnet den Kauf ebenfalls in den Zeitrahmen der Gazette ein und nennt auf Seite 278 den 8. Oktober 1658 als Kaufdatum.

Wie dem auch sei, das Château de Saint-Cloud befand sich nach fast einhundert Jahren wieder im Besitz der königlichen Familie. Wie bereits oben im Abschnitt "Das Anwesen von Barthélemy Hervat" beschrieben, begnügte sich der Bruder des Königs jedoch ersteinmal damit die Parkanlagen zu erweitern. Vergleicht man einige von Ïsrael Silvestres detaillierten Ansichten des Schlosses, fällt lediglich eine veränderte Rustika an der Südfassade auf. Die Art ihrer Ausführung lässt vermuten, dass diese Änderung noch durch Monsieurs Architekten Antoine Le Pautre durchgeführt wurde. Pläne zur Erweiterung scheint es jedoch vorher schon gegeben zu haben. Dies zeigt der im vorhergehenden Abschnitt über Hervat schon benannte Plan der Gartenanlagen aus dem Jahre 1669. In diesem wurde das eingezeichnete Gebäude skizzenartig vergrössert (Abb. unten). Der westliche der beiden Flügel ist vergrössert und ein dritter, nördlicher Flügel, der parallel zum Südflügel läuft, wurde ebenfalls eingezeichnet.

Saint-Cloud, Zustand Hervat mit eingezeichneter Erweiterung

Château de Saint-Cloud, gesehen vom zweiten Tor bei der Grande Avenue, RigaudAm 30. Juni 1670 starb Monsieurs erste Frau Henriette d'Angleterre im Schloss von Saint-Cloud. Erst nach seiner Hochzeit mit der Deutschen Élisabeth Charlotte d'Orléans (Liselotte von der Pfalz) im Jahre 1671 wurden die Ideen zur Schlosserweiterung dann schließlich in die Tat umgesetzt. Fast zeitgleich mit der Umsetzung der Pläne seines Bruders Louis XIV., der das Château de Versaillles durch die "enveloppe" genannte Ummantelung um ein vielfaches zu vergrößern. Philippe I. d'Orléans ließ nun ebenfalls umfangreiche Arbeiten an seiner Residenz vornehmen. Die optisch auffälligste Änderung aus dieser Zeit war die Errichtung des neuen Nordflügels, der in den Abmessungen ungefähr dem Südflügel entsprach. Zwischen den beiden Flügel entstand die Cour d'honneur, der Ehrenhof. Während der Arbeiten am Nordflügel wurde auch die östlich gelegene Kopffassade der Aile Gauche (Südflügel) an die des neuen Flügels angeglichen. Das Gelände davor schüttete man auf und gestaltete es zu einem Vorhof um. Der Südflügel verlor so aus dieser Richtung optisch seinen ehemaligen Sockel, der nun nur noch von der Gartenseite aus sehen konnte. Dort enstand ein großes Bassin.

1677 begannen dann auch größere Arbeiten am Corps-de-Logis, dem mittleren der drei Flügel. Dieser wurde aufgestockt und nach Westen erweitert. Die Fassadengestaltung dieses Gebäudeabschnitts orientierte sich stark am Versailler Vorbild. Für die Dekoration wurde die Thematik der "alles beherrschenden Zeit" gewählt. Die gesamte Aufteilung der Fassade folgte im Ganzen allen Stilmitteln, die eigentlich den Residenzen des Königs vorbehalten waren. Sicherlich wählte Philippe I. d'Orléans diese Umsetzungsweise, um seinen Bruder entsprechend seines Standes empfangen zu können und nicht um ihn herauszufordern.
Insgesamt vollzog das Château de Saint-Cloud in diesem Jahrzehnt den Wandel zu einer wirklichen Residenz, die dem Status des Bruders des Sonnenkönigs entsprach.

Auch im Inneren wurde das Château de Saint-Cloud entsprechend ausgestaltet. Es enstanden viele Prunksäle, Salons, Kabinette, Galerien, wie die große Galerie d'Apollon im Nordflügel und ein Paradeappartement für den König. Neu war die exakte Ausrichtung der gesamten Schlossanlage auf dieses zentral im Corps-de-Logis gelegene und auf die Cour d'honneur hinausgehende Chambre du Roi. Erst viel später wird dieses Prinzip auch für das Château de Versailles umgesetzt.
Alle Räumlichkeiten wurden reich ausgestaltet, dekoriert und wertvoll möbliert. Die Ausmalung der Decken in den Salons wurden von Pierre Mignard ausgeführt. Insgesamt waren diese ersten großen Umbauarbeiten von Saint-Cloud, die durch die Architekten Antoine Le Pautre, Jean Girard und wahrscheinlich auch Thomas Gobert ausgeführt wurden, im Jahr 1678 vollendet.

Château de Saint-Cloud, Grand Escalier on jules Hardouin Mansart

Château de Saint-Cloud, Fassade des Südflügels nach Mansart, MarietteIn den Jahren 1687 und 1688 folgte dann eine zweite Erweiterungsphase, die Jules-Hardouin Mansart, der neue Hofarchitekt von Versailles übernahm. Westlich, direkt an das Corps-de-Logis anschließend, wurden eine Orangerie und eine Salle de Théâtre errichtet. Auch die Aile Gauche, der Südflügel, wurde während dieser Maßnahme umgebaut. Ein absolutes Meisterwerk aus dieser Zeit war die Grand Escalier (Abb. oben). Die Treppe verband das südliche, tiefer liegende Gartenparterre durch den Gebäudeflügel nicht nur mit der Beletage und den Appartements, sondern auch mit der Cour d'honneur vor dem Corps-de-Logis, die eine Ebene über dem garten lag. Um diese Treppe nicht zu steil zu gestalten wurde der Mittelrisalit der Aile Gauche in Pavillonbauweise nach Süden vorgezogen und dementsprechend die gesamte Gartenfassade mit einer Kolonade vor dem Gebäudesockel und der Beletage neu gestaltet. Diese Säulenreihe trug nun den durchgehenden Balkon. Mansart entfernte auch die schon seit Barthélmy Hervat existierenden Ochsenaugen, die runden Fenster im Dach und führte als Übergang zum Dach die Balustrade des Innenhofs fort. Womit er beim Château de Saint-Cloud ähnliche Änderungen umsetzte, wie er sie bereits am Château de Versailles vorgenommen hatte.

Westliches Gartenparterre von Le Nôtre, Gravur von RigaudAndré Le Nôtre gestaltete die großzügigen Barock-Gärten von Saint-Cloud, die mit ihren Terrassen, Alleen, den aufwendigen Parterres und Fontainen stark in Konkurrenz zu Versailles traten. Sehr bemerkenswert war die durch ihn erreichte Anbindung des Gartenparterres vor der Aile Gauche an die Grand Escalier von Mansart. Er ließ das direkt vor dem Südflügel gelegene Bassin mit hufeisenförmigen Rampen versehen, die direkt am neuen Pavillon mit dem Eingang zur Treppe endeten. Direkt darunter versah er dieses Bassin du Fer à Cheval mit fünf Kaskaden. Insgesamt wuchs der Park auf ca. 590 Hektar.

Am 9. Juni 1701 erlag Philippe I. d'Orléans in seinem Schloss einem Schlaganfall, der angeblich von einem heftigen Streit mit seinem Bruder über die Ehe der Kinder herrührte. Das Château de Saint-Cloud blieb im Besitz seiner Familie, die in den kommenden Jahren nur kleiner Änderungen vornahmen.

• Vorhergehender Abschnitt: Die Maison von Barthélmy Hervat

• Nächster Abschnitt: Das Château von Marie-Antoinette

Quellenverzeichnis (u.a.):
• Association Reconstruisons Saint-Cloud

• Katharina Krause, Die Maison de plaisance. Landhäuser der Ile-de-France (1660-1730), Deutscher Kunstverlag

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